Die Boots-Story

 

Von Hans Jürgen Klitsch, April 2003

 

Fällt hierzulande der Begriff „The Boots“, denkt niemand an Beatstiefel oder Nancy Sinatra. Alle schnalzen vielmehr mit der Zunge, denn der Name ist Synonym für die beste Band der Beat-Ära aus diesen Breiten. Auch international genießen sie höchstes Ansehen. Ihre erste LP steht als Denkmal fest wie der Arminius bei Detmold. Diese Langspielplatte ist von einer bestechenden stilistischen Kongruenz. Ihr Sound ist exzellent – trotz der Kritik der Band, dass die Toningenieure ihnen die Verzerrungen verboten haben. Hier war eine Truppe in Aktion, die ihr Handwerk verstand. Verglichen mit ihren härtesten heimischen R&B - Konkurrenten – „The Hound Dogs“ , schwebte über den Boots immer der Geist des Intellektuellen.

 

The Boots als Name klingt ein wenig lau, doch stammt er aus einer Zeit, in der noch weitaus weniger geistreiche Namensfindungen nicht unüblich waren. Die Boots repräsentierten die subversive Seite des Rock ‘n‘ Roll, sie reichten saftigste Stücke schweißtriefender musikalischer Schaffe – wie mit dem Beil gehauen. Immer roch es nach Feuer und Brand. Wenn die Boots But You Never Do It Babe spielten, dann war das wie ein Molotow-Cocktail durch die Fenster der Altvorderen in den Plattenfirmen.

 

Jörg „Jockel“ Schulte-Eckel hält nichts von „ihrer“ LP. Die Wahl des Ausdrucks überrascht, denn in der Tat haben die Boots zwei LPs hinterlassen. Doch „Beat With The Boots“ konnte „Here Are The Boots“ nicht das Wasser reichen, waren sie doch zu musikalischen Kompromissen gezwungen worden, die ihnen schlecht zu Gesicht standen. Auch ist Jörg Schulte-Eckel auf „Beat With The Boots“ gar nicht zu hören – einmal mehr hatte er es nicht aus dem Bett geschafft und damit seine notorische Unzuverlässigkeit bewiesen. Die Rest-Boots reagierten: Sie holten Ingo Cramer von den „Odd Persons“ (BCD 15463) als Sessiongitarristen. Als Jörg Schulte-Eckel schließlich vor der Studiotür stand, zeigten sie ihm die kalte Schulter und ließen ihn abblitzen.

 

Es ist müßig, ein entsprechendes Szenario zu entwickeln, doch ich vermute, mit Jörg Schulte-Eckel hätte „Beat With The Boots“ anders geklungen, denn er war der kompromissloseste unter seinen Mitstreitern. Schon früh hatte er begonnen, die Gitarre für Exkursionen jenseits der gängigen Klischees zu benutzen. Und die mit ihm betriebenen nächtlichen Jam Sessions nach getaner Arbeit sind legendär. Unbestritten ist, dass die Boots live um Klassen besser waren, als ihre Studioaufnahmen es dokumentieren. Das galt aber für die meisten Bands, denn welcher staatlich geprüfte Tonmeister wusste schon einzufangen, was ihm da beatakustisch vorgetragen wurde?! Trotz allem bleibt „Here Are The Boots“ ein Meisterwerk: voll im Klang, hart und pikant in der Performance, wenn auch das meiste an Verzerrungen und Feedback von den Toningenieuren unterdrückt oder schlichtweg verbannt wurde. Titelauswahl, Titelfolge, Sound – hier stimmt alles.

 

Jörg Schulte-Eckel: „Mit 16 war ich in der Industriekaufmannslehre bei einer Buchdruckerei am Moritzplatz, die hieß Elsell, Milde und Co. Nebenbei besuchte ich die Abendschule, weil meine Eltern gesagt hatte: ‘Du musst unbedingt das Abi nachmachen.‘ Dann bin ich anschließend immer in die Hajo Bar oder in die Eierschale gegangen, oder in die Badewanne, und dann gab’s auch noch so eine Bar bei uns auf dem Wedding, in der Nähe vom Virchow-Krankenhaus. Das war meine Stammkneipe, da spielte der Blacky alias Armando Lindinger als Alleinunterhalter. In diesen Kneipen wurden zu dieser Zeit Sängerwettbewerbe veranstaltet. Und da hab ich überall teilgenommen und ganz gut abgeschnitten, weil ich eine Gitarre hatte, die ich spielen konnte – fast nur Chuck Berry. Es gab in Berlin auch einen Jazz-Laden, New Orleans, das war eine Dixieland-Kneipe, wo man getanzt hat, so mit Rühren.“

 

Im New Orleans hatte Schulte-Eckel  bei einem Auftritt beim Sängerwettstreit Hardy (Michael Fürsinn) und Heinz Hoff (verstorben) kennengelernt. Die drei taten sich zusammen. Jörg Schulte-Eckel: „Mit drei Mann haben wir den härtesten Beat der Welt gespielt. Das war weit entfernt von Cliff Richard und den Shadows. Ein Mikrofon, total unverhallt, und bretthartes Schlagzeug, brettharte Gitarre und brettharter Bass. Das waren die Anfänge. Nach Feierabend sind wir in die Bar im Wedding gegangen, da war dann der Blacky. Und mit dem sind wir, so nach dem  Motto ‘Von einem der auszog, das fürchten zu lernen‘, einfach abgereist, nach Kiel; da haben wir am Abend 7 Mark 50 pro Person verdient. Dort kamen wir gleich in die Szene rein, mit englischen Gruppen, Aufputschmitteln, Geschlechtskrankheiten, und geschlafen haben wir alle in einem Zimmer – in Etagenbetten. Mit acht Leuten in einem Raum. Und überall lag noch ein Mädchen mit drin! Das war für uns unglaublich cool damals.“ Wenn Mutter Schulte-Eckel  damals geahnt hätte, dass aus dem fehlgeleiteten Sohn später ein erfolgreicher Firmensanierer werden würde, sie hätte wohl weniger gelitten zu jener Zeit, oder vielleicht auch nicht.

 

Aus Kiel brachten die Boots einen neuen Bassisten mit, den warben sie aus einer als Indoband firmierenden gemischt-nationalen Showkapelle namens The Jeckills ab: Boudewijn „Bob“ Bresser, weil Hardy die Band hatte sitzen lassen und heim nach Berlin gereist war. Die Herkunft der Jeckills-Musiker war so exotisch, dass kaum einer im Publikum die Herkunftsländer auf dem Globus zeigen könnte: ein Deutscher, ein Niederländer, ein Indonesier, ein Surinamese und ein Bursche von den Niederländisch-Antillen.

 

Bob Bresser: „Die Entstehungsgeschichte ist etwas kompliziert. Die Jeckills hießen vorher eigentlich Canaries. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich eingestiegen bin. Ich hatte einen Freund, Adri Kneefel, der spielte in einer Indo-Truppe. Als diese in Gelsenkirchen gastierten, hatte ich sie besucht. Ich habe dann bei ihm auf dem Zimmer geschlafen, und als sie nach Bremerhaven weiter zogen, bin ich mit. Dort hingen die Canaries in den Seilen, sie hatten aber noch Engagements. Ich war ja eigentlich Leadgitarrist, aber als ihr Bassist ans Schlagzeug wechselte, bin ich als Bassist eingestiegen. Nach diversen Umbesetzungen war ich dann irgendwann bei denen auch wieder Leadgitarrist – und wir nannten uns The Jeckills.“

 

Mit Bob Bresser hatten die Boots nun einen Berufsmusiker an Bord. Das bedeutete: Auftritte mussten her. Der Mann wollte schließlich leben, und so ergab sich zwangläufig der Schritt ins Profi-Lager für eine Band, die bis dato ihre Sache als Hobby betrachtet hatte. Bob Bresser spielte als ehemaliger Gitarrist einen ganz besonderen Bass. Er glich in der Art mehr einer Rhythmusgitarre; so, als ob diese eine Tonlage tiefer gespielt würde, und das entpuppte sich als großartig. Heinz Hoff war ein guter Schlagzeuger und Jörg Schulte-Eckel ein schon recht fortgeschrittener Gitarrist: Alle drei bevorzugten die harten Sachen und spielten auch die weicheren so. Armando Lindinger fand das weniger gut.

 

Jörg Schulte-Eckel: „ans Gitarrespielen bin ich auf ganz komische Weise gekommen. Ich hatte als Jugendlicher ziemliche Probleme mit meinen Eltern, und die hatten mich daraufhin nach Meldorf in Schleswig-Holstein in ein katholisches Internat gesteckt.“ Das war Ende 1960. Er sollte weg aus Berlin, weil Eltern ja gern vermuten, dass es am schlechten Umgang der Kinder liegt, wenn diese aus dem Ruder zu laufen drohen. In Meldorf hatte Jörg Schulte-Eckel bald eine Auseinandersetzung mit dem Erzieher, es kam zu einer Schlägerei. Daraufhin bekam er Ausgangsverbot für zwei Monate. Ein zweiter, der darin verwickelt war, Peter Ötkin aus Hamburg, hatte ebenso Hausarrest verordnet bekommen. Ötkin konnte Gitarre spielen. In der Einsamkeit des Hausarrestes gab Ötkin seine Fähigkeiten an Schulte-Eckel weiter. Jörg Schulte-Eckel: „Zu der Zeit waren die Shadows ganz groß, und Cliff Richard natürlich, von denen haben wir dann Songs gespielt, und von den Everly Brothers. Man hat mich dann aus dem Internat geschmissen, weil wieder irgendwas vorgekommen war.“ Zurück in Berlin begann er seine Lehre als Industriekaufmann – und um ihn ein wenig ans Haus zu binden, bekam er von den Eltern eine Gitarre geschenkt, unter der Voraussetzung, dass er auch den dazugehörigen Kurs absolvierte: 24 Stunden Unterricht... „Bei einem Lehrer! Da bin ich nur einmal hingegangen, weil … das war unmöglich. Meine Mutter hat dann Gitarre samt Vertrag an meine Schwester weitergegeben – die heute übrigens gut zupfen kann. Meine zweite Gitarre habe ich vor dem Mauerbau gekauft. Wegen der günstigen Wechselkurse waren die Instrumente in Ostberlin sehr billig, also bin ich über Friedrichstraße nach Prenzlauer Berg. Es war eine elektrische Halbresonanzgitarre, für damalige Verhältnisse gut zu spielen. Eine tolle Gitarre, und ich hab mir fast in die Hose geschissen, als im Bahnhof Friedrichstraße ein Vopo in die S-Bahn kam, um zu kontrollieren. Man durfte ja nichts schmuggeln – Gott sei Dank har er offensichtlich gedacht, dass die Gitarre schon länger zu mir gehörte.“ Nachdem er erst mal auf eine elektrische Hopf Galaxie umgestiegen war, spielte er später auf eine Gibson ES 345 Stereo. Es gibt ja die Geschichte von der Gibson ES 330 mit Bigsby Vibrato, eine Rechtshändler umgebaut auf Linkshänderbenutzung, deshalb mit dem Schlagbrett auf der verkehrten Seite. Diese Gitarre ist auf den ersten Boots-Autogrammpostkarten und dem Titelbild der Debüt-LP zu sehen. Jörg Schulte-Eckel hat diese Gitarre mit ziemlicher Sicherheit nie gespielt, ebenso wenig wie Bob Bresser den abgebildeten Bass. Die Instrumente waren geliehen, um dem Bild ein wenig die Steifheit zu nehmen und die Verbindung zum Beat herzustellen.

 

Nach dem wegweisenden Aufenthalt in Kiel hatten die Boots sich in Berlin auf kleineren Bühnen versucht, für wenig Geld und wenig Ehre. Sie hatten schließlich gerade erst angefangen, und da waren andere Bands wie The Teambeats, The Hound Dogs, The Rebel Guys zum Teil schon lange am Werke gewesen, von Drafi Deutscher und den Magics ganz zu schweigen (alle auf BCD 16458. Die Berlin Szene). Jörg Schulte-Eckel: „Am Anfang, als wir durch die Kneipen in Berlin gezogen sind und zwei Flaschen Zigeunerblut im Sängerwettstreit gewonnen haben, da gehörten Didi & His ABC Boys zu meinen Vorbildern und auch Edgar & The Breathless.“

 

Nach dem Engagement in Kiel besorgte man sich Auftritte im Star-Palast Flensburg und Star-Palast Lüneburg. Anschließend gingen sie in Cuxhaven nicht nur bildlich, sondern auch wörtlich vor Anker. Ein Anschlussengagement war nicht zu bekommen. Das Geld wurde schnell knapp, es lief nichts mehr, und schon war Blacky auf und davon nach Haus. Bob Bresser und Jörg Schulte-Eckel blieben, und um ein paar Mark zu verdienen, spielte Jockel ein paar Gigs mit Bernd Zamulos (später bei den Lords), Rhythm Brothers. Heiz Hoff war nach Berlin gefahren, um Auftritte zu beschaffen, und schneller als erwartet kam die ersehnte Botschaft: „Alles klar! Ein Auftritt im Casino am Funkturm.“ Mit Jockels Anteil an der Rhythm-Brothers-Gage kaufte man zwei Zugfahrkarten und eine Tüte Chips. Im Jackett, ohne Mantel und ohne einen Pfennig im Portemonnaie bestiegen Bob und Jörg den Zug. Als der Vopo bei der Durchfahrt durch die DDR von Bob Bresser 10 Mark für ein Visum verlangte, steckte man in der Bredouille: Der Typ wollte Bob Bresser schon gewaltsam aus dem Zug entfernen, als ein amerikanischer Tourist mit einer milden Gabe dem Verzweifelten zu Hilfe kam.

 

Frisch gestärkt und voller Selbstvertrauen traten die Boots in Berlin an. Pikanterweise spielten sie im Casino am Funkturm mit den Hound Dogs, was später zu ungeahnten Verwicklungen führen sollte. Sie waren angekündigt als ‘Hollands Sound-Men Nr. 1‘. In anbetracht des holländischen Inventars in der Band eine eher schamlose Übertreibung. Immerhin, es gab ein Anschlussengagement für einen Monat im Casa Leon, was Dietmar & The Beat Boys (pre -  Odd Persons, BCD 16463), den Tories und den Beats nicht gelang, obwohl auch sie bei jenem legendären Gig am 17. Januar 1965 die Handzettel füllen durften. The Beats spielten später im Cavern, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Im Casa Leon lief es gut. Bald hatten The Boots Dutzende junge, langhaarige, Beatstiefel tragende Jünger im Schlepp. Eine Provokation für Berliner Zipfelmützen und Anstandsbürger. Mit ihnen gemeinsam machten sie das Berliner Top Ten zur Hochburg. Allerdings war dies ein - man ahnt es – schrittweiser  Prozeß, wie auch die Veränderung des Materials. Während die meisten Bands die gängigen musikalischen Quellen plünderten, war den Boots bewusst, dass die Beatles und Stones weitgehend tabu sein sollten, wenn sie selbst etwas Besonderes sein wollten. Es war eine gruppendynamische Entwicklung, sich an die eher obskuren Quellen zu halten – wobei die Pretty Things und Them auf der damaligen Popularitätsskala schon die obersten waren.

 

Jörg Schulte-Eckel: „Mein erstes Vorbild hieß Chuck Berry. Zu der Zeit waren die Kommunikationssysteme ja noch nicht so entwickelt wie heute. Man kannte gar nicht so viele Stars, und es gab auch nicht so viel Starrummel. Es gab Platten, und es gab die Musik, die dort gespielt wurde, wo man hinging. Chuck Berry war eine feste Größe für mich als Gitarrist und als Sänger. Auch heute ist er noch mein Idol, weil er  mit so wenig Technik so beeindruckende Sachen macht und so wichtige Impulse mit seiner Musik gesetzt hat. Das Vorbilddenken entwickelte sich eigentlich erst später, als man über das reine Kopieren vorgegebenen Materials hinauskam – als man das Vorbild unter den Originalen suchte, wie die Rolling Stones das auch machten. Und da waren Howlin‘ Wolf, Blind Lemon Jefferson, Lightnin‘ Hopkins, John Lee Hooker, Memphis Slim… Als ich dann Jimi Hendrix sah, hatte ich – mit Sicherheit – ein neues Vorbild. Erich Clapton hat nie dazu gezählt, obwohl er eine gute Gitarre spielt. Bei ihm fehlt mir das Geniale, er ist für mich immer berechenbar gewesen. Hendrix hat immer Grenzen überschritten, wo man nicht damit rechnete.“

 

Ähnlich wie Sänger Werner Krabbe den Organisten Uli Grün aus den Hound Dogs hinaus komplimentiert hatte, wurde Blacky nun endgültig aus den Stiefeln gehoben. Uli Grün war nach seinem Rausschmiß bei den Hound Dogs zu The Hollys gewechselt, die sich aber immer mehr in Wohlgefallen auflösten. Plötzlich hing dieser hagere, blässliche Knabe bei den Boots rum. Er machte auf Leadsänger. Als solcher aber stieg Werner Krabbe mit seiner heiseren R&B Röhre ein, um den Platz von Armando Lindinger zu füllen. Ulli Grün wurde klar, dass er irgendwas brauchte, um sich interessant zu machen. Und schon schleppte er eine Farfisa-Orgel an – ein wenig Rhythmusgitarre spielte er ja sowieso.

 

Ulli Grün schaffte es, bei den Boots den fünften Mann zu geben. Nun war er kein Virtuose, eher ein blutiger Anfänger, aber er kriegte so interessante und eigenwillige Muster hin, die ihn von den anderen abhoben. Kleidungsmässig war er der grosse Exentriker der Band, mit flippigen Hüten und langen Jacken.  

 

Dieter Behlinda, der Mann mit dem netten Lispler, den er später als ‘Conferencier‘ auf drei Liverpool-Hoop-Sammel-LPs zu deren Vorteil einsetzen sollte, stand plötzlich vor der Bühne und bot seine Dienstleistung an – Bandmanagement. Behlinda war nicht nur ein windiger Geselle, er hatte auch bei der Teldec einen Fuß in der Tür. Einen Satz Anzüge - man sieht sie auf dem LP-Cover – hielt er für die Band parat, und einen Job als Backingband für Kim Roberts, der schon mal eine Platte gemacht hatte: Live It Up. Er bot den Jungs einen Exklusivvertrag, und die Band nahm an. Bob Bresser: „Wir waren ja naive junge Burschen. Behlinda beutete uns gründlich aus, und als Gegenleistung schickten wir jeden, der uns etwas offerierte, zu ihm.“ Zum obligatorischen Star-Club-Auftritt brachten sie es auch, und wer einmal da gespielt hatte, kam sicher auch in die Verlegenheit, Tony Sheridan begleiten zu müssen. Bresser: „Der törnte sich damals schon ganz schön an, und dann verfiel er auf der Bühne in so eine Art Trance – auf das, was die Band spielte, achtete er gar nicht mehr. Der war ganz in sein eigenes Spielen und Singen versunken. Und einmal, als Heinz ein Fell zerschlug, wachte er auf, drehte sich um, schnappte seine Gitarre und versuchte, sie Heinz über den Kopf zu ziehen. Der konnte gerade noch hinter seinem Schlagzeug in Deckung gehen.“

 

Die Boots hatten 1965 noch keinen Bandbus, man reiste zu Auftritten in PKW, oder Freunde mieteten einen Lieferwagen. Wenn nichts davon möglich war, dann nahmen sie die Anlage auf die Schultern, schleppten sie zur Bahn und reisten alle gemeinsam mit dem Zug. Im April 1965 bestiegen die Boots einen Waggon der Deutschen Bahn und zogen gen Süden, Ziel München-Schwabing, weit weg von Behlinda – die ungeliebten Anzüge fein säuberlich gefaltet ganz unten in den Koffern. Später musste jeder seinen Zwirn noch mal rausholen und aufbügeln lassen, weil Dieter Behlinda seine Investition auf den offiziellen Band-Fotos zur Ehre gebracht sehen wollte.

 

Paul Murphy, der legendäre Produzent, hatte die Boots öfter gebeten, doch mal den TB Blues – und immer nur diesen – bei ihnen auf der Bühne singen zu dürfen. Im Gegenzug bot er an, Boots-Studio-Aufnahmen für eine Plattenveröffentlichung zu machen. Die Boots hatten dem wenig Glauben geschenkt – so was wurde damals gern versprochen, und genauso gern wurde das Versprechen auch wieder gebrochen. Aber kurz darauf kam Behlinda mit dem Telefunken-Vertrag an. Bresser: „Die Teldec-Leute wunderten sich, warum ihre Them-Platten in Berlin so gut liefen, und dann fiel ihnen auf, dass die Fans dort eigentlich unsere Musik kaufen wollten; aber weil es die nicht gab, hielten sie sich an die Originale. Die Aufnahmesessions waren ein Wahnsinnstrip! Morgens um halb acht sollten wir beginnen – um sieben standen wir da und warteten auf Jockel. Der war damals sehr unzuverlässig und trank auch ganz schön. Wann immer du ihn brauchtest, auf der Bühne oder sonst wo, dann hatte er entweder einen über den Durst getrunken oder jagte irgendwelchen Röcken nach.“

 

Eine erste Aufnahmesession war allerdings schon vorher im Liverpool Hoop angesetzt worden. Die war so eine Art Vorlauf, wenn auch die resultierenden Einspielungen erst später veröffentlicht werden sollten. Kurz darauf war dann ein Tag im Studio fixiert, und die Boots sollten dort ‘richtige‘ Plattenaufnahmen machen. Es war an jenem Morgen, als acht Stiefel an vier Boots durch Berlin hetzten, um Jörg aufzutreiben. Der lag kuschelig bei einer jungen Dame im Bett und war wenig gewillt, auf die wohlige Wärme zu verzichten. Dem ersten der Band, den er sah, riet er: „Ruf an, wir kommen morgen!“ Bresser: „Das wurde dann so ein stehender Spruch bei uns – wann immer ein Termin anstand: ‘Ruf an, wir kommen morgen!‘

 

Im Teldec-Studio in der Finckensteinallee in Lichterfelde sagte man den Boots, sie sollten mal spielen, was sie gerade wollten – am besten ihr abendliches Programm, die beste Serie. Die Band dachte, das sei das Warmspielen, und die richtigen Aufnahmen würden noch kommen. Kleiner Irrtum, denn nach zwei Stunden schallte es aus dem Kontrollraum: Das reicht! In Ordnung! Wir sind fertig! Dass man ihnen die Verstärker runtergedreht hatte, damit sie nicht so verzerrten, war ihnen nicht so wichtig. Denn wenn’s dann an die echten Aufnahmen ginge, würden sie den Herren ihre Vorstellungen schon klarmachen.  Dies war nun nicht mehr nötig und Material für Singles, LP und Samplerbeiträge im Kasten.

 

Werner Krabbe: „Die Toningenieure riefen immer: „Leiser! Leiser!“ Dabei musstest du die Vox-Verstärker voll aufdrehen, damit sie diesen wunderschönen, verzerrten Klang bekamen. Bob Bresser: „Dieser typische schmutzige Gitarrensound ist völlig weg. Wenn Jockel seine Gitarre mit der Fantaflasche am Hals spielte, dann war das keine Bottleneck-Imitation, das war ein eigener Trip. Einmalig und völlig abgefahren. Das haben sie alles ruiniert. Wenn da ein jaulendes Orgelsolo war, dann haben sie die Rhythmusgitarre nach vorn gemischt.“ Falls man das Mischung nennen kann. Es wurde ja eigentlich nur während der Aufnahme selbst ein wenig justiert. Aber es wurde doch deutlich, wie ausgeklügelt die Boots ihre Songs arrangiert hatten – die Balance zwischen Lead- und Rhythmusgitarre oder, je nachdem, Leadgitarre und Orgel war großartig. Das Fundament, Bob, der Basser, der eigentlich ein Gitarrist war, und Heinz, einer der fähigsten Schlagzeiger damals. Bresser bevorzugte die solidere Rhythmusgrundierung gegenüber den tanzenden Bassläufen, Heinz besaß Punch und Kreativität.

 

Das Gros der Aufnahmen blieb bei der Teldec erst einmal in der Schublade, aber man zog zwei Tracks für die erste Boots-Single raus, But You Never Do It Babe gekoppelt mit Dimples. Besonders die Rückseite zeigt, dass die Boots Konkurrenten wie den Animals, der Spencer Davis Group oder Them nicht nur Paroli bieten konnten, sondern erheblich mehr. Die Boots reisten nach Essen und Gießen, um dort Engagements anzutreten. Als sie ein paar Monate später wieder in Berlin waren, kamen sie gerade rechtzeitig zur Veröffentlichung der LP ‘Live At The Liverpool Hoop Vol. 1‘. auf der sie mit zwei Stücken vertreten waren: mit den Titeln, die sie in Behlindas Club The Liverpool Hoop noch vor den Studioaufnahmen aufgezeichnet hatten. Jockel malträtierte hier seine Hopf-Gitarre, und die Boots-Version von Spoonful stellt alle anderen Fassungen in den Schatten.

 

Dann kam endlich die Langspielplatte auf den Markt. Damit waren die Boots auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, die Gagen stiegen, das Renommee war bedeutend, und von überall her  erschienen konkurrierende Musiker, um vor der Bühne zu stehen und zu staunen. Selbst ein stark alkoholisierter Jörg Schulte-Eckel (auf dem Verstärker sitzend, um Balanceprobleme zu kaschieren) zauberte Sachen auf der Gitarre, von denen andere nicht mal träumten. Es gab Auftritte bei Großveranstaltungen (wie mit den Kinks in der Waldbühne), im Star-Club und im Beat-Club bei Radio Bremen-TV, wo sie drei Stücke spielten, Gloria, In The Midnight Hour und Watcha Gonna Do About It. Zugleich mit der LP kam als Singleauskopplung Gloria in den Handel. Das wurde ihr Hit, der die Boots unter den zehn Top-Bands in der BRD etablierte, obwohl Gloria bei einer Publikumsabstimmung in Berlin von der Version der Hound Dogs (auf BCD 16458. Die Berlin Szene) deutlich geschlagen wurde. Während die Hound Dogs aber in Berlin weilten und darum ihre Anhänger besser mobilisieren konnten, waren die Boots weit weg.

 

Sie zog es hinaus in die Welt, mit Garantie-Verträgen über 15 000 Mark. Bob Bresser: „Meistens lagen wir darüber.“ So tingelten sie quer durchs Land – Süddeutschland, Ruhrgebiet und schließlich das Wuppertaler Wilhelmsstübchen. Eine Stunde vor dem Auftritt am 22. März 1966 merkten die Boots nach einem Stadtbummel, dass ihr Leadsänger nicht anwesend war. Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn entdeckten sie ein Stück Papier, das auf seinem Bett lag. Darauf stand: „Liebe Boots! Habe eine totale Stimmüberreizung und leichte Grippe. Ich kann jederzeit einen ärztlichen Attest darüber vorlegen. Mein Arbeitgeber Dieter Behlinda bekommt sowieso einen. Wenn ich wieder gesund bin, werde ich wieder meiner Pflicht nachgehen. Ich will selbstverständlich nicht aussteigen. Ich weiß nur nicht ob meine Stimmbänder eine 7tägige Belastung aushalten, wie gesagt, ihr habt keinen Caruso eingekauft, jener half in solchen Fällen mit etwas Opium nach, Es soll ja Leute geben, die das behaupten. Hochachtungsvoll, bis bald, verbleibt Euer Werner Krabbe“

 

Werner Krabbe war fort. Damals sorgte das, und die Art und Weise wie es geschah, für einen ziemlichen Unmut bei den verbliebenen Boots. Aus heutiger Sicht sind der ungelenke Charme und die Einfachheit der Botschaft äußerst amüsant. Der Brief wird demnächst als Ausstellungsstück im deutschen Pop-Museum in Gronau zu sehen sein. Er wirft ein sympathisches Licht auf die jugendliche Naivität, die diese Band begleitete, trotz ihres wilden Aussehens und ihres ultra-scharfen Sounds und den damit verbundenen Klangeskapaden jenseits der meisten 60s Bands.

 

Werner Krabbes Stimme war aufgrund des gutturalen Timbres starken Belastungen ausgesetzt gewesen, und in der Tat waren die damaligen Monatsstrippen jeder Stimme abträglich. Keine Band konnte sich erlauben, einen Sänger den ganzen Abend durchsingen zu lassen. In Bands ohne Solosänger wechselten sich die Musiker ab, und bei denen mit singendem Frontmann kam dieser nur für bestimmte Serien auf die Bühne. Werner Krabbes Gesang war in gewissen Maße prägend, was den Boots-Sound betraf, obwohl auch Uli Grün, Bob Bresser und vor allem Jörg Schulte-Eckel bei einer Reihe von Titeln (auch auf den Platten) den Leadgesang übernahmen. Das ermöglichte es den Boots, den Fortbestand der Band zu garantieren, auch ohne Krabbe. Besonders Jörg Schulte-Eckel war hinsichtlich des Abgangs von Werner still erfreut, denn er wollte sowieso mehr ins Zentrum der Band rücken. Werner Krabbe: „Bob wurde immer als unser Bandleader hingestellt, aber eigentlich hatten und brauchten sie keinen. Nur jemanden, der die Dinge in Ordnung hielt, auch unsere Verstärker. Und das war Bob. Er hatte ein feste Freundin, war verlässlich, er kümmerte sich, warum also nicht er?“

 

Das Wilhelmstübchen in Wuppertal war noch in anderer Weise einschneidend für die Boots. Heinz Hoff hatte sich des öfteren nach Düsseldorf aufgemacht und sich dort ein weibliches Anhängsel besorgt, nicht ohne Geld, weil im roten Lichte wandelnd. Uli Grün fuhr gelegentlich mit in die Rheinmetropole, weil für ihn dann eine Kollegin abfiel, die ebenfalls über gewisse Reize verfügte. Nun hatte der bekannte Twen-Shop Selbach dort viele schöne, moderne und bunte Sachen zu verkaufen – und so ließen sich Heinz und Uli modmäßig einkleiden, wobei die jungen Damen das Portemonnaie zückten. Und weil zu grellfarbigen Hemden und gemusterten Jacketts nun auch die entsprechenden Frisuren gehörten, fiel so manche Locke. Bald waren die Herren Grün und Hoff den Small Faces ähnlicher als den Pretty Things. Das sollte auf die Rest-Boots nicht ohne Wirkung bleiben.

 

Nachdem die Band im Sommer in Stuttgart gewesen war, kehrte sie im Frühherbst nach Berlin zurück. Dort wurde ihnen Werner Krabbe von Dieter Behlinda wieder aufs Auge gedrückt, obwohl die Band nicht unbedingt Lust verspürte, ihm noch eine Chance zu geben, denn Krabbe konnte schwierig sein. Nachdem Werner dann im Cannonball Club mit den Boots wieder auf der Bühne stand, reiste die Band nach Fürth, um dort im Camera einen Monatsjob zu erfüllen. Krabbe konnte nicht weg von Berlin, und so wurde für 14 Tage Flaps als Ersatz installiert (ein Freund von Jörg Schulte-Eckel), weil die Band einen Vertrag für fünf Mann unterschrieben hatte. Flaps konnte der Gitarre aber kaum zwei Akkorde entlocken, und darum blieb sein Instrument einfach ausgeschaltet. Bresser: „Wenn dann jemand kam, um sich Werners Autogramm zu holen oder um einfach mal mit ihm zu sprechen, dann schoben wir diesen Typen hin und die Leute standen völlig unschlüssig herum. Der Knabe hatte ja nicht ein Quäntchen Ähnlichkeit mit Werner.

 

Nach zwei Wochen war Werner dann wieder ständig an Bord. Trotz des zum Teil veränderten Repertoires, das nicht immer seine Zustimmung fand. Immerhin spielten sie nun Sachen wie See Saw oder Pretty Flamingo. Die Boots entwickelten ihren Sound immer weiter in Richtung auf die Virtuosität der Remo Four. Ulis Fähigkeiten an der Orgel waren rapide gestiegen, er spielte jetzt eine Vox Continental und Jockel war schon lange über jeden Zweifel erhaben. Schlagzeug-Soli von Heinz konnten sich mit denen von Roy Dyke messen. Der finstere Rhythm ‘n‘ Blues war progressivem Rock gewichen, ohne dass die Band auch  nur eine Spur ihrer Kraft verloren hatte. So stand ein zweites Star-Club-Engagement an. Und da bekam nun Werner endlich sein ‘Instrument‘.

 

Bob Bresser: „Der hatte uns immer um unsere Instrumente beneidet, und er besaß nur die Mundharmonika, Rhumbakugeln und das Tamburin. So kaufte er sich eine P.A. Später, als wir uns ein wenig zerstritten hatten, behauptete Werner, er habe sie allein bezahlt. Aber wir konnten Quittungen präsentieren, die zeigten, dass wir alle unseren Anteil gelöhnt hatten. Dieses Star-Club-Engagement habe ich in bleibender Erinnerung. Wenn wir frei hatten, gingen wir in die anderen Clubs und sahen uns Bands an. Gelegentlich wurde auch gejammt. So lernten wir jede Menge Musiker kennen. Und wir trafen uns immer im Hotel Pacific. Da gab es dann auch eine Weihnachtsparty – Musiker von überall her feierten dort miteinander und jedes Zimmer war bis zum Bersten voll! Einzigartig!“

 

Werner Krabbe sollte es nicht mehr lange bei den Boots halten, denn die Band driftete musikalisch von ihm weg. Bob Bresser: „Es war der Punkt, an dem die Beatszene sich aufzulösen begann. Nach 12 Uhr spielten wir eher jazzbetonte Nummern, und Werner hasste uns dafür. Wir wollten progressiver werden, mehr Soul integrieren.“ Werner Krabbe: „Ich mochte Soul nicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass es das Ende der deutschen Popmusik sei. Es ist einfach nicht möglich, einen Bläsersatz auf die kleinen deutschen Bühnen zu bringen. Und ich hasste unser Image zu dieser Zeit.“

 

1966 produzierten die Boots noch eine denkwürdige Single, Gaby – eine Eigenkomposition, stark an Gloria angelehnt. Es war eine tolle Platte, aber das Cover zeigt eine andere Band – von Subkultur keine Spur, statt dessen fein gestylte, dezente Herren. ‘OK‘ brachte es auf den Punkt: „Von Beatniks zu Gentlemen: The Boots“ titelte das Musikmagazin. Die Stiefel waren geputzt worden, die Haare gefallen. Heinz Hoff war dabei auslösend tätig gewesen, seine Ansprüche gingen aber noch weiter. Nur Schlagzeug spielen genügte ihm nicht. Er wollte auch auf anderen Gebieten kreativ sein. Modedesign hatte ihn schon immer interessiert, und nun fing er an, für die Boots tätig zu werden. Bob Bresser: „Ich erinnere mich, dass wir nach einem Auftritt zusammensaßen und ein wenig feierten. Nur Heinz saß abseits mit einem Herrn, der uns unbekannt war. Später stellte sich dann raus, dass dies ein Vertreter gewesen war – für Nähmaschinen! Ein paar Tage später saß Heinz schon hinter der Maschine und nähte Klamotten für die Boots!“

 

In der Tat markierte der Imagewechsel auch einen musikalischen Wandel bei den Boots: Mod-orientiert versuchte man sich am Soul, und Werner ging. Bresser: „Wenn Werner sagt, er mochte Soul nicht, dann musste man ihm das glauben, aber aus verschiedenen Gründen hatte er es auch satt, von Berlin weg zu sein.“ Bei den Aufnahmesessions für Gaby war ein Song in deutscher Sprache aufgenommen worden, der erst später auf den Telefunken Cds veröffentlicht werden sollte. Der Sinn des Lebens hieß er. Bob Bresser: „Anfangs konnten wir gar nicht glauben, dass der Song von uns war. Aber nach und nach kam die Erinnerung wieder, und jetzt höre ich dieselbe Fuzzbox wie bei Gaby. Wir waren aber nicht überzeugt von diesem Lied, und so blieb es dort, wo es hingehörte. Im Archiv.“

 

Die stilistische Wandlung der Boots lief, sie probten ein neues Set. In München war die Band mit einer holländischen Soulband gebucht. Die hatte einen Schlagzeuger, Jaques Eckhard, der auch Vibraphon, Saxophon und Gitarre spielen konnte. Und laut Bob war er der beste Soulsänger weit und breit. Da Eckhard jeden beliebigen Ton, ob hoch oder tief, mit traumwandlerischer Sicherheit traf, holten sie sich Jaques als fünften Mann. Plötzlich meldete sich auch die Teldec wieder und verlangte nach einer weiteren LP. Zur gleichen Zeit wollte das Label eine Produktion mit Sanford Alexander, einem Singer-Songwriter, machen. Kurzerhand verknüpfte man die Projekte: Beat With The Boots And The Sanford Alexander Beat‘, was am Ende beiden schadete. Die resultierende LP, bar jeder musikalischen Attraktivität, machte insgesamt wenig Sinn. Mit altem Boots-Beat hatte das Album nur marginal zu tun, und auch die fünf beigesteuerten Kompositionen von Sanford Alexander waren nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Sanford Alexander, ein riesiger und ungemein durstiger Kampfflieger und Korea-Veteran, wirkte nur auf einem Song mit, I Don’t Want To Go On Without You. Er bediente hier das Marimbaphon. Keiner der Alexander-Songs ist jemals von der Band live gespielt worden. Der Rest der LP setzte sich aus wenig bissigen Soul-Standards zusammen. Bob Bresser: „Als wir im Studio ankamen, sollten wir The Sounds Of Silence aufnehmen. Irgendeine Tochter aus der oberen Etage bei der Plattenfirma hatte die Idee gehabt. Und weil sie die Boots mochte, überzeugte sie ihren Daddy, dass wir eine deutsche Version machen sollten. Wir haben uns geweigert.“

 

Jörg Schulte-Eckel wurde auf der LP von Ingo Cramer vertreten. Bob Bresser: „Wir waren unglaublich sauer auf Jockel. Wir wollten diese LP unbedingt machen, und er läßt uns hängen. Wir wollten, dass er die Lektion lernte. Deshalb schickten wir ihn weg.“ Und so klingt die LP im Gitarrenbereich denn auch deutlich schwächer und weniger aggressiv.

 

Anschließend brachen die Boots auch die Brücken zu Behlinda ab, alle Verträge wurden gekündigt. Eine Münchner Agentur vertrat nun ihre Engagementangelegenheiten. Aber der Abwärtstrend hatte bereits eingesetzt. Mit zunehmend progressiven musikalischen Ansätzen fühlte sich Jaques Eckhard überflüssig, er zog sich nach Holland zurück. Die Boots holten sich bei einem erneuten Engagement in der Fürther Camera den Jamaikaner Sunshine (Earl Woodham) als Ersatz. Das hielt nicht lange, doch noch während seiner Zeit bei den Boots stand Behlinda plötzlich wieder auf der Matte und zeigte einen Zettel, eng mit Zahlen beschrieben. Bob Bresser: „Der sagte zu uns: ‘Jungs, was glaubt ihr, was ich hier habe?! Die Abrechnung aller euch zustehenden Künstlerlizenzen. Und ich kann euch einen tollen Deal anbieten. Hier habe ich noch einen Schallplattenvertrag in der Tasche. Wenn ihr mir eure Künstlerlizenzen überschreibt, dann bekommt ihr von mir diesen Vertrag. Falls wir es nicht tun würden, drohte er, den Vertrag durchs Klo zu spülen. Entscheidung jetzt oder nie!“ Die Boots taten das Falsche. Als sie nämlich bei der CBS vorbeischauten, stellte sich heraus, dass der Vertrag nur eine Option und die CBS gar nicht mehr interessiert war. Sie wollten die Original-Boots, nicht die mit einem schwarzen Sänger. So bekamen sie einen weiteren Leberhaken verpasst, obwohl ihr Engagements noch passabel liefen; aber die Stimmung war nicht mehr die früherer Tage. Das mit den Platten verdiente Geld war komplett in fremde Taschen gewandert, nicht einmal Muster hatten sie von ihren eigenen Produkten erhalten. Bob Bresser: „Wir mussten auf den Knien bitten, um jeden Bildumschlag, den wir mit Autogrammen verschenken wollten. Wir mussten uns unsere eigenen Platten im Laden kaufen.“

 

Nach dem Flop mit CBS machte sich Earl Sunshine davon. In Wien verschwand dann noch der Roadmanager und mit ihm der Bandbus, die Anlage und die gesamten Einnahmen. Ende. Am 1. Mai, pünktlich zum Tag der Arbeit 1968, kehrten die Boots mit dem Zug nach Berlin zurück. Bob Bresser schrieb sich an der Freien Universität Berlin ein, um sein Studium (wieder) aufzunehmen. Da kam ein Anruf aus Holland, Jaques Eckhard hatte einen Plattenvertrag besorgt, die Boots sollten kommen. Heinz Hoff, Jörg Schulte-Eckel und Uli Grün folgten dem Ruf. Einen Bassisten lotsten sie von der ebenfalls kränkelnden Sound Of Syke weg. Noch bevor die Platte eingespielt war, hatte Jörg Schulte-Eckel wieder Berliner Boden unter den Füssen. Auch sein Weg führte an die Freie Universität.

 

Die verbliebenen vier Boots spielten mit einem holländischen Gitarristen namens Kid eine gute Version des Mike D’Abo –Songs In The Beginning ein – das bessere Stück befand sich aber auf der Rückseite. Es hätte der Ansatz für eine weitere Karriere sein können, doch blieb es dabei. Uli Grün und Heinz Hoff schmissen hin, weil es parallel zur Platte nicht genügend Auftrittsmöglichkeiten gab. Beide wählten Fürth als Wohnsitz. Dort hatten sie durch frühere Gastspiele in der Camera Freunde gefunden. Sie schlossen sich mit Sonny Henning (ex Jonah & The Whales, prä Ihre Kinder) zur Empire State Band zusammen, einer Soulformation. Die Gruppe existierte aber nur kurze Zeit, dann ging Heinz mit Rainer Räthe (Schlagzeug), Urs Huwiler (Bass, ex Phantoms, München) als Drummer mit drei Sängerinnen zu den percussionlastigen Fire, Water & Love. Die Band war 1969 und 1970 in Athen aktiv. Jaques Eckhard machte noch zwei weitere Platten unter dem Namen Boots. Er spielte darauf alle Instrumente selbst. Dann mutierte er zu Jacky Cornell.